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Warum ist Umlernen oft schwieriger als Neulernen?

Jeder hat es schon einmal erlebt: Es ist einfacher, eine völlig neue Fähigkeit zu erlernen, als eine alte Gewohnheit oder Denkweise zu ändern. Doch warum ist das so? Die Antwort liegt in der Art und Weise, wie unser Gehirn Informationen speichert, verarbeitet und neue neuronale Verbindungen bildet.

Neulernen: Die Schaffung neuer neuronaler Pfade

Wenn wir etwas Neues lernen, baut unser Gehirn von Grund auf neue neuronale Netzwerke auf. Das bedeutet, dass frische Synapsen und Verknüpfungen entstehen, die mit jeder Wiederholung verstärkt werden. Dieser Prozess ist besonders effizient, wenn keine alten, konkurrierenden Strukturen vorhanden sind, die das Lernen behindern könnten. So ist das Erlernen einer völlig neuen Sprache oft einfacher als das Korrigieren von Fehlern in einer bereits bekannten Sprache.

Umlernen: Der Kampf gegen etablierte Muster

Im Gegensatz dazu bedeutet Umlernen, dass bestehende neuronale Verbindungen verändert oder überschrieben werden müssen. Dies ist herausfordernder, da das Gehirn bestrebt ist, Energie zu sparen und etablierte, effiziente Netzwerke beizubehalten. Jedes Mal, wenn eine alte Gewohnheit aktiviert wird, wird der bereits bestehende Pfad im Gehirn erneut gestärkt. Um eine Veränderung zu bewirken, muss das Gehirn also neue Verbindungen aufbauen, während es gleichzeitig die Nutzung der alten reduziert – ein Prozess, der Zeit und bewusste Anstrengung erfordert.

Neuroplastizität: Der Schlüssel zum Umlernen

Unser Gehirn bleibt jedoch anpassungsfähig, ein Konzept, das als Neuroplastizität bekannt ist. Je häufiger eine neue Denkweise oder Verhaltensweise geübt wird, desto stärker werden die neuen neuronalen Pfade. Gleichzeitig verkümmern die alten Verbindungen durch einen Prozess namens synaptisches Pruning, bei dem ungenutzte Synapsen abgebaut werden. Dies bedeutet, dass mit genügend Wiederholungen und bewusster Praxis das Umlernen tatsächlich erfolgreich sein kann.

Strategien, um das Umlernen zu erleichtern

1. Bewusstes Training: Sich gezielt auf die neue Fähigkeit oder Denkweise konzentrieren und regelmäßig üben. Dabei hilft es, sich bewusst in Situationen zu bringen, in denen die neue Verhaltensweise angewendet werden muss. Je öfter das neue Verhalten genutzt wird, desto stärker verankert es sich im Gehirn.

 

2. Fehlertoleranz: Fehler als Teil des Lernprozesses akzeptieren, da sie signalisieren, dass das Gehirn sich anpasst. Gerade beim Umlernen können alte Muster zunächst noch automatisch abgerufen werden, doch jeder Fehler ist eine Gelegenheit, das neue Verhalten zu verstärken.

 

3. Kontextwechsel nutzen: Eine alte Gewohnheit in einer neuen Umgebung zu ändern, kann helfen, alte Muster zu durchbrechen. Das Gehirn verknüpft oft Verhaltensweisen mit bestimmten Orten oder Situationen. Indem man das neue Verhalten in einem anderen Umfeld einübt, fällt es leichter, sich davon zu lösen.

 

4. Positive Verstärkung: Erfolgreiches Umlernen belohnen, um das Gehirn zu motivieren, neue Pfade zu stärken. Belohnungen können materiell sein, aber auch kleine persönliche Erfolge wie das bewusste Wahrnehmen des Fortschritts oder positive Selbstgespräche helfen, das Durchhalten zu erleichtern.

 

5. Geduld und Wiederholung: Regelmäßige Anwendung ist entscheidend, um das Gehirn auf die neuen Muster umzustellen. Je häufiger eine neue Fähigkeit oder Denkweise genutzt wird, desto stabiler werden die neuen neuronalen Verbindungen. Geduld ist dabei essenziell, da der Prozess je nach Komplexität der Gewohnheit oder Denkweise unterschiedlich lange dauern kann.


Während Neulernen meist ungehindert neue neuronale Verbindungen schafft, erfordert Umlernen die aktive Umstrukturierung bereits vorhandener Muster. Durch bewusste Anstrengung, Wiederholung und das Verständnis für die Funktionsweise unseres Gehirns kann jedoch auch Umlernen erfolgreich gelingen. Es mag anfangs schwerer erscheinen, aber mit der richtigen Herangehensweise und Ausdauer kann das Gehirn sich neuen Gegebenheiten erstaunlich gut anpassen.